Mariko Minoguchi

Mariko Minoguchi

Drehbuchautorin & Regisseurin

Mariko Minoguchi wurde 1988 in München geboren. Ihr Debütfilm als Regisseurin "Mein Ende. Dein Anfang." kommt im November 2019 deutschlandweit ins Kino.

Naokos Lächeln

Haruki Murakami
Der Beatles-Ohrwurm "Norwegian Woods" ist für den 37jährigen Toru Watanabe ein melancholischer Song der Erinnerung: an den Aufruhr der Gefühle in einer schmerzvollen und schicksalhaften Jugend, die er zu bewahren und zu verstehen versucht. "Naokos Lächeln" erzählt von einer Liebe mit Komplikationen in den unruhigen sechziger Jahren.

Wenn ich dieses Buch aufschlage, stehen auf der ersten Seite in meiner krakeligen Schreibschrift vier Jahreszahlen: 2010. 2011. 2013. 2016. 

Mit der Erinnerung ist es eine seltsame Sache. Ich erinnere mich nicht mehr daran, wie ich zu diesem Buch kam. Ob es mir empfohlen wurde, oder ob ich es selbst gefunden habe. Aber ich erinnere mich genau an den Moment, in dem ich mich in die Geschichte verliebt habe. Ich war 21 und für einige Monate in Tokyo. Allein und weit weg von allem, was mein Leben damals so ausmachte. Als ich im Park sitzend, nach einigen Kapiteln aufsah, überkam mich dieses Gefühl. Als würde ich mich endlich an etwas erinnern. Etwas das ich noch nicht kannte und vielleicht schon immer vermisst hatte. In diesem Moment spürte ich, dass diese Stadt auf mich wartete. 

Ich nahm das Buch nicht zurück nach Deutschland, sondern ließ es bei meinen Verwandten. Bei all meinen nachfolgenden Japanreisen, ging mir nach gewisser Zeit der Lesestoff aus und ich griff wieder zu „Naoko’s Lächeln“. Vier Versionen meines Ichs - in vier verschiedenen Phasen meines Lebens - haben dieses Buch gelesen. Manche Dinge verstand ich mit den Jahren anders. Aber dieses eine Gefühl kehrte immer wieder zurück. 

Wie viele Jahreszahlen wohl noch dazukommen? 

Mariko Minoguchi

Der Fänger im Roggen

J. D. Salinger
Der Protagonist Holden Caulfield irrt drei Tage lang auf der Suche nach menschlicher Nähe und einer Zukunftsperspektive durch Manhattan.

Mit Klassikern ist das ja so eine Sache. Das Gewicht der Bedeutung liegt so schwer auf den Seiten, dass ich mich ausruhen muss, bevor ich überhaupt zur ersten Zeile gelange. 

Zumal ich diesen Roman ja irgendwie bereits kenne, da auf den Buchrücken oder in den Kritiken jedes zweiten Coming-of-Age Romans, früher oder später folgende Worte stehen: „Der Fänger im Roggen in LA“ oder „Der Fänger im Roggen der 80er“ „der 90er“ „…der Generation X… Y… Z“,  „…für Mädchen.“ 

Also muss man ihn ja vielleicht gar nicht lesen. Dachte ich lange. 

Und habe es zum Glück irgendwann doch getan. Weil es eben nur den einen, wahren „Fänger im Roggen“ gibt. Es ist eine Geschichte über das Erwachsenwerden, über Depressionen. Tod und Trauer. Liebe und Empathie. Es ist ein Porträt der Amerikanischen Nachkriegsgesellschaft. Von Familien und einsamen Menschen, egal wo auf der Welt. 

Und es ist der Roman eines Autors, der ein Kriegsveteran ist. All das für knapp 9,00 Euro, als federleichtes Softcover. Da bleibt nichts offen. Außer der Frage: Wo sind im Winter die Enten des Central Parks?

Mariko Minoguchi

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